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Plein air digital

Selten ist Raimund Spierling ohne sein Skizzenbuch anzutreffen. Seine Landschaftsmalerei entstand über viele Jahre unmittelbar vor Ort und war von einem umfangreichen Einsatz klassischer Mal- und Collagematerialien geprägt: Acryl- und Aquarellfarben, Kreiden, unterschiedliche Papiere und gesammelte Fundstücke gehörten ebenso zum Arbeitsprozess wie die spontane Zeichnung vor der Landschaft. Auf Reisen erwies sich dieses Material jedoch zunehmend als logistische Herausforderung. Die Konsequenz war eine radikale Reduktion.

Ein kleines Skizzenbuch, wenige Stifte, eine Smartphonekamera und ein Mini-iPad bilden heute das mobile Atelier. Vor Ort entstehen Handzeichnungen und fotografische Skizzen, die bereits während der Reise digital zusammengeführt, übermalt und überzeichnet werden. Aus der unmittelbaren Auseinandersetzung mit dem Landschaftsraum entwickelt Spierling so eine neue Form des plein airplein air digital.

Seit seiner Brasilienreise 2022 setzt er diese Arbeitsweise bevorzugt ein. Die digitale Technik ersetzt dabei nicht die unmittelbare Wahrnehmung, sondern erweitert ihre Möglichkeiten. Zeichnung, Fotografie und Malerei werden zu gleichberechtigten Bestandteilen eines offenen, vielschichtigen Bildprozesses. Die Landschaft wird nicht einfach abgebildet, sondern aus unterschiedlichen Beobachtungen, Erinnerungen und visuellen Fragmenten neu zusammengesetzt.

Die aktuellen Landschaftsarbeiten führen diese Entwicklung konsequent weiter. Auf seiner jüngsten Reise durch das südliche Afrika entstanden Arbeiten und Skizzen aus Südafrika, Namibia, Botswana und Simbabwe. Die Vielfalt der Landschaften – von den Weiten der namibischen Wüsten- und Felslandschaften über die Feuchtgebiete des Okavango bis zu den Küsten Südafrikas und den Victoriafällen – trifft dabei auf eine ebenso vielfältige Wahrnehmung des Ortes. Neben Landschaft und Vegetation treten Tiere, Straßen, Architektur, Alltagsszenen und beiläufige Beobachtungen in den Bildraum. Auch die sogenannten „Big Five“ und „Ugly Five“ finden Eingang in die Werkgruppe. (land.spierlingart.com)

Das Ergebnis sind malerisch-collagehafte Kompositionen hoher Auflösung, die sich aus zahlreichen digitalen Ebenen unterschiedlicher Transparenz zusammensetzen. Fotografische Ausschnitte, zeichnerische Spuren und malerische Interventionen überlagern sich und erzeugen einen Bildraum, in dem Nähe und Ferne, Dokumentation und Imagination ineinandergreifen.

Im letzten Arbeitsschritt wird der digitale Bildkörper wieder materiell. Die Prints werden auf Glas ausgeführt und rückseitig mit Acrylfarbe hintermalt. Je nach Lichteinfall verändert sich dabei das Verhältnis zwischen der gedruckten und der malerischen Ebene; insbesondere bei einer Hängung vor einer Lichtquelle kann die Hintermalung stärker hervortreten. (land.spierlingart.com)

So verbindet Spierling zwei scheinbar gegensätzliche Verfahren: die unmittelbare, körperliche Erfahrung der Landschaft und ihre digitale Zerlegung und Rekonstruktion. Erst im Zusammenspiel von fotografischem und zeichnerischem Ausgangsmaterial, digitalem Composing und analoger Hinterglasmalerei entsteht das endgültige Werk – ein Original, das die Landschaft nicht als statisches Gegenüber, sondern als vielschichtigen Prozess von Wahrnehmung, Erinnerung und Konstruktion begreift.